Der kleine Morth (iii)

„Also, organisch kann ich nichts finden“, sagte Doktor Brunn zu ihm. „Haben sie es denn schon mal mit einer Psychotherapie probiert?“ „Entschuldigen sie, aber ich habe doch keinen an der Waffel“, meinte Morth zu diesem Vorschlag. „Ich begebe mich auf keinen Fall in die Hände von diesen Quacksalbern! Ich habe ein Problem mit meinem Kreislauf, aber deswegen bin ich noch längst kein Spinner.“ „Ihr Kreislauf ist völlig in Ordnung“, sagte der Arzt knapp. „Achten sie auf ihren Alkoholkonsum. Ihre Leberwerte sind leicht erhöht. Mehr kann ich wohl nicht für sie tun. Und jetzt entschuldigen sie mich bitte.“ Morth stand schon. „Nein, mehr können sie wohl nicht tun. Tschüß, Doc!“ Ironisch lächelnd gab er dem Mediziner die Hand und verließ das Behandlungszimmer. Draußen warteten schon die nächsten Kranken.
Im Hinausgehen nahm er sich vor, eine Reihe von Bildern zum Thema Krankheit zu malen. Ihm schwebten entstellte Leiber und höhnische Ärzte vor, kalte, wässrige Augen, die auf expressionistische Wunden starrten, ohne etwas zu sehen, verrenkte Glieder in feuchten Gips gewickelt. Gleich am Abend wollte er in sein Atelier fahren und mit der Arbeit beginnen. Vorher war er aber noch zum Essen verabredet. Sein Magen knurrte schon.

Natürlich ahnte er, dass Sue vielleicht doch etwas anderes von ihm wollte, als er bereit war zu geben. Manchmal fragte er sich, ob er es ihr geben könnte, wenn er denn wollte. Vielleicht war ihr aber doch alles recht so, wie es war. Er wusste es nicht und es kümmerte ihn wenig. Liebe sah anders aus. Das musste ihm niemand erklären. Aber wozu sollte er sich darüber den Kopf zerbrechen? Er bekam körperliche Zuwendung, wenn ihn danach verlangte. Wenn er eine Begleitung fürs Kino oder sonst was wollte, musste er nur zum Telefon greifen. Sue bekam dafür einen Kerl mit einer gewissen Weltsicht, er laberte sie nicht mit Auto- oder Fußballgeschichten voll und ließ sie machen, was sie wollte.
Er schätze an ihr besonders ihre praktische Anlage. Sie hatte ein Faible für alles Zweckmäßige. Als angehende Biologin war sie es gewohnt, moralischen, politischen und ästhetischen Fragen keine allzu große Bedeutung zu geben. Sie versuchte, ihr Leben wie ein Experiment anzulegen, also möglichst viele Unwägbarkeiten auszuschließen. Kontrolle war ihr wichtig. Ihre gemeinsame Beziehung, die seit immerhin zwei Jahren Bestand hatte, war demnach ziemlich übersichtlich angelegt. Falls sie etwas besseres finden sollte, würde er ihr nicht im Weg stehen.

„Guten Tag, Herr Morth“, begrüßte ihn der Türsteher vom Don Carlos und riss ihn aus seinen Gedanken.

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