Der kleine Morth


Die Unruhe kam von Außen. Sie drang in ihn ein, wie Gülle in den Boden dringt. Immer tiefer, auf Umwegen, aber doch stetig und kompromisslos. Sie weichte ihn auf, machte sein inneres Gefüge zu einem feuchten Schwamm und sorgte dafür, dass Morth dachte, mit ihm stimme etwas nicht. Dieses Gefühl wurde immer stärker und ließ ihn nicht mehr los. Im Cafe, beim Zeitungsmann, auf dem Tennisplatz, überall fühlte er sich fehlerhaft und in seiner Fehlerhaftigkeit streng beobachtet. Auch wenn er allein war. Es schwindelte ihn. Ihm wurde in völlig alltäglichen Situationen schlecht. Einmal musste er sich sogar auf dem Weg zum Zigarettenautomaten auf eine Bank setzen und konnte sich eine halbe Stunde nicht mehr rühren, weil ihm seine Beine den Dienst verweigerten. Dann ging es wieder. Er war erst Ende 20. Der Schock saß tief. Unsicherheit machte sich breit.

Morth hatte es nie nötig gehabt, sich einzufügen, sich nach dem zu richten, was andere dachten oder von ihm erwarteten. Die Gesellschaft konnte ihn mal. Sein Vater sorgte dafür, dass er mit Geld versorgt wurde und seine Existenz als Künstler rechtfertigte ihn notdürftig vor ich selbst. Er entzog sich den Konventionen und tat und ließ, was ihm gefiel. Letztendlich ging es ihm auch nur darum, nicht um die Kunst oder die Wahrheit seines Ausdrucks. Ernsthaftigkeit war im fremd. Da war nichts und niemand über ihm.


Bisher war niemand sonst auf die Idee gekommen, Morth als Künstler zu sehen. Nur er selbst bezeichnete sich so, wenn er nach seinem Beruf gefragt wurde. Und wie oft interessierten sich andere für so etwas! Wenn Frauen ihn fragten, kam seine Antwort oft gut an. Männer hielten meist dann den Mund und belästigten ihn nicht weiter mit irgendwelchen Geschichten vom Bau, aus dem Kraftwerk oder ihrem Büro. Selbst der lohnabhängigste Trottel merkte, dass er gegen einen Künstler nicht ankam. Man sprach über seine Bilder, die Kunst im Allgemeinen vielleicht und wechselte dann das Thema. Natürlich nicht ohne vorher zu versprechen, sich irgendwann seine Gemälde anzusehen. So weit kam es dann aber nie. Morth malte zwar tatsächlich ab und zu, er stellte aber nicht aus. Auch nicht virtuell, obwohl seine Sachen so schlecht nicht waren. Es kümmerte ihn nicht.

tbc…

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