Ich sitze neben Stein in der U-Bahn. Er erzählt mir etwas über Abwehrreihen. Aufgezogen wie ein kleines Kind schildert er mir detailreich und unter Einflechtung aller Namen, die ihm in diesem Zusammenhang einfallen, strategische Vor- und Nachteile bestimmter Formationen. Wir sind auf dem Weg zu einem Fußballspiel. Ich mag Stein, weil er sich für so vieles begeistern kann. Es sprudelt dann häufig aus ihm heraus und ich kann etwas von seiner Lebenslust abbekommen. Er hat sich da etwas bewahrt, was mir größtenteils abhanden gekommen ist. Deshalb suche ich nach der Nähe solcher Menschen. Ein Parasit bin ich, könnte man sagen, wenn mir solche Tiervergleiche lägen. Ich spüre deutlich, dass sich Stein nach der klassischen Abwehr mit Libero sehnt. So recht formulieren will er das nicht, aber seine Analyse der Viererkette wirkt wie die Beschreibung des Nachwende-Kapitalismus. Ich denke, dass es der Fußball als Leitkultur auch nicht mehr lange macht. Irgendwann kapieren die Leute, dass sie nur als Fanvieh benutzt werden und dass die neuartigen Spielsysteme dem Geist eines offenen Kräftemessens klar widersprechen. Da wird nur noch wie auf Kommando heraus gerückt, die Reihen verschieben sich, die Geschwindigkeit steigt, die Leidenschaft bleibt auf der Strecke. Alles Disziplin, alles immer das Gleiche. Davon haben wir doch so schon genug. Wer will sich das auf dem Platz noch zusätzlich rein ziehen?
Die aktuelle Vaubude
Zu allem ÜberflussBisher keine Kommentare »
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