Morths Vater Christian war ein völlig unernster Mensch. Die Leute in seiner Umgebung konnten selten damit rechnen, dass er sich in eine ihrer Stimmungen einfühlte. Umso mehr bestand er auf Harmonie und Konstanz. Gewissermaßen ließ er sich am liebsten von den Umständen einbetten. Von den Sorgen seiner Umgebung wollte er nichts wissen. Ihn interessierte nur das, was gerade in seiner Seele entstanden oder im Entstehen begriffen war. Darum drehte sich alles und danach richtete er alles aus: seine Frau, die beiden Hausmädchen mit ihren großen, versonnenen Augen, die Hunde, seine Beschäftigten und im weiteren Sinne auch die beiden Söhne in Europa.
Kam das Gleichgewicht seines Lebens ins Wanken konnte aus dem ganzen Mann, der sonst nicht von dieser Welt schien und mit ihr nur unzulänglich verbunden war, ein einziges hartes Instrument zur Durchsetzung seines Wollens werden. So wie die großen Bohrer in das goldhaltige Erz seiner Minen stießen, so bearbeitete Christian Morth die Welt und die Menschen in ihr, bis alles wieder so war, wie er es ertragen konnte. War dieser Zustand hergestellt, verfiel er erneut in seine unverbindliche Lebenshaltung und verharrte bis zum nächsten Ausbruch in ihr.
Sein Alltag war von Wiederholungen beprägt. Er ritt morgens sein Pferd Wilhelm Zwo auf dem Grundstück aus, trank anschließend seinen Kaffee, arbeitete am Schreibtisch, soweit dies notwendig war, und hatte anschließend, meist gegen 11 Uhr, Sex. Entweder mit seiner Frau, einer blasierten, südafrikanischen Weißen oder mit einer der Köchinnen oder Hausmädchen, Töchtern von Minenarbeitern, die froh waren, dass der Herr sich ihrer für ein, zwei Jahre annahm und ihnen die Gepflogenheiten eines guten Hauses beibrachte.
Der Sex mit den Mädchen war deutlich umkomplizierter als der mit seiner Frau. Die bestand auf einem ritualisierten Vorspiel und wollte mit einer gewissen Härte angefasst werden. Nach dem Akt wusch sie sich sorgfältig und Christian Morth musste ihr dabei zusehen. Alles in allem nahm diese Prozedur eine Stunde in Anspruch. Die Nummern mit den jungen Dingern dauerten selten länger als fünf Minuten. Dann schickte sie Morth wieder an die Arbeit. Er ging in die Bibliothek, um dort bis zum Mittagessen in seinen historischen Zeitschriften zu lesen.
Die Mine wurde im Wesentlichen von einem Geschäftsführer gelenkt. Morth kümmerte sich nur um die Außenkontakte, flog einmal im Jahr nach Belgien, zweimal nach New York und hin und wieder nach Südafrika, um die Geschäfte am Laufen zu halten. Im Winter nahm der die Familie, das heißt seine Frau und die Hunde, mit nach Kapstadt, wo er eine Yacht liegen hatte.
Einmal hatte Viktor seinen Vater besucht und war mit ihm Segeln gewesen. Es war der schlimmste Urlaub seines Lebens geworden. Kein Tag war vergangen, an dem sich der Sohn nicht gefragt hätte, was zur Hölle er mit diesem schrecklichen Menschen zu tun hatte. Wenn er damals einen Wunsch frei gehabt hätte, hätte er sich einen Vater gewünscht, der bei der Preussag arbeitet und am Wochenende zu Schalke geht. Heute war er froh, dass sein Erzeuger reich und vor allem, dass er weit weg war. Er würde nie mehr nach Afrika reisen, nicht einmal nach Tunesien oder in den Sudan, und er wollte dieses Arschloch sicher niemals wieder sehen. Das einzige, was ihn interessierte war, dass seine Schecks unterschrieben und gedeckt waren. Und darauf war bisher zumindest immer Verlass.